Projektionen als Chance: Was Trigger über uns verraten

Alles, was uns an anderen irritiert, kann zu einem besseren Verständnis von uns selbst führen. [1]

Carl Gustav Jung

Kennen Sie das? Die Freundin hat nun schon wieder kurzfristig ein gemeinsames Treffen abgesagt, Ihr Chef kritisiert Sie und wirft Ihnen vor, dass Ihre Arbeitsleistung enorm nachgelassen habe und Ihr Nachbar hält Ihnen täglich vor, wie ungepflegt Ihr Garten im Gegensatz zu seinem wäre. Kommen Ihnen solche zwischenmenschlichen Situationen bekannt vor, in denen Sie durch einen Satz oder eine Handlung Ihres Gegenübers plötzlich emotional werden, Gefühle von Wut und Ärger in Ihnen hochsteigen oder Ihr Körper unkontrolliert reagiert, beispielsweise durch Engegefühl oder Atemnot? In der Psychologie würde man in diesem Kontext „Triggern“ und „Projektionen“ sprechen. Was sich im ersten Moment nach unliebsamen emotionalen Zuständen anhört, beinhaltet aber ein großes Potenzial. Denn Projektionen verraten mehr über unsere Werte und Bedürfnisse und sind somit ein Schlüssel zur Selbsterkenntnis. Was genau darunter verstanden wird, wie man mit Triggern und Projektionen umgehen kann und vor allem welches Potenzial im Erkennen der eigenen Projektionen steckt, erfahren Sie in diesem Artikel.

Was sind Projektionen?

Das Konzept der Projektionen stammt aus der Psychoanalyse und wurde maßgeblich geprägt von Sigmund Freund und Carl Gustav Jung. Unter Projektionen versteht man das Übertragen von eigenen Gedanken, Gefühlen und Eigenschaften – wie beispielsweise Ängsten, Fehlern oder Wünschen – auf andere Menschen [2, 3]. Wörtlich bedeutet Projektion so etwas wie „vorwerfen“. Ich werfe also einer anderen Person eine Sache vor bzw. mache sie für etwas verantwortlich. Meist handelt es sich bei diesem Vorwurf um eigene Makel oder vergangene seelische Verletzungen [4]. Aus Selbstschutzgründen ignorieren wir diese in uns oder wollen wir nicht wahrhaben, dennoch sind sie ständig unterbewusst in uns präsent. Zum Vorschein kommen sie erst in der Interaktion, wenn wir im Gegenüber etwas wahrnehmen, was uns emotional erregt, uns also „triggert“. Mit anderen Worten: Das was uns am anderen triggert, kann also eine Übertragung unserer eigenen Themen auf den anderen sein. So wie bei einem Video-Projektor werfen wir unser (Selbst-)Bild auf die Umwelt. Die Quelle für das projizierte Bild stammt aber immer noch von uns selbst.

Wie entstehen Projektionen und Trigger?

Mit unserer Psyche verhält es sich wie bei einem Eisberg: Wir können oft nur die Spitze unseres „Selbst“ bewusst wahrnehmen. In Wirklichkeit werden wir den Großteil unseres Tages aber von unbewussten Programmen, allen voran Gewohnheiten, gesteuert [5], die für uns nur begrenzt sichtbar sind. Was ist das Wesentliche daran? Das Unterbewusste fungiert wie eine Art unzensierter Speicher, gespeist aus unseren vergangenen Erinnerungen, schöner wie schmerzlicher, die bis in die Kindheit zurückreichen. Der bewusste Zugriff auf das Unterbewusstsein ist beschränkt, das heißt, wir sind uns der Erinnerungen nicht bewusst. Wir können also nicht all unsere vergangenen Erinnerungen auf Knopfdruck abrufen, sie zurück ins (bewusste) Gedächtnis holen oder in Worte fassen.

Eisberg

Wie kann man nun auf das Unterbewusstsein zugreifen? Das Unterbewusstsein macht sich oft auf eine andere Art bemerkbar, nämlich durch Emotionen [6]. In diesem Zusammenhang spricht man daher von sogenannter „hot cognition“ [7]: Nicht vollständig verarbeitete, schmerzliche oder emotional überfordernde Erfahrungen und Erinnerungen dringen erst dann vom Unterbewusstsein wieder ins Bewusstsein, wenn bestimmte Reize auftreten, die mit diesen vergangenen Erfahrungen gekoppelt sind. Beispiele für Auslösereize, auch als „Trigger“ bezeichnet, können Situationen, Bilder, Geräusche, Gerüche oder Worte sein. Sie rufen in uns dieselben emotionalen Reaktionen wie in der damaligen Situation hervor [7].

Ein Beispiel soll diesen Zusammenhang verdeutlichen: Susanne reagiert bei Kritik immer wütend und frustriert und verschließt sich komplett emotional. Das könnte ein Indiz darauf sein, dass sie in ihrer Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Kritik gemacht hat, möglicherweise als Kind zu oft kritisiert wurde oder ihren Selbstwert auf Basis von Anerkennung anderer definiert. Die Kritik fungiert in diesem Beispiel also als Trigger. Susanne wird wieder an schmerzliche, vergangene Situationen erinnert (selbst wenn sie diese nicht benennen kann, weil sie so tief im Unterbewusstsein vergraben sind). Gleichzeitig dazu werden dieselben unangenehmen Gefühle wie damals ausgelöst – in ihrem Fall Wut, Frustration und womöglich Angst. Gegenmaßnahmen wie emotionales Abblocken oder Sich-Verschließen sind natürliche Folgereaktionen der Kränkung. Sie helfen ihr, die Welle an unangenehmen Emotionen nicht aushalten zu müssen.

Anmerkung: Ein Sich-Verschließen dient wie in diesem Beispiel als Schutz. Er soll die negativen Gefühle abpuffern, uns vor einer innerlichen Krise bewahren und vor allem unseren Selbstwert schützen [3, 8]. Das emotionale Verschließen ist somit per se nichts Schlechtes, zumal es ja eine Funktion hat. Wie Sie in den folgenden Abschnitten sehen werden, ist es wichtig herauszufiltern, wann dieser Schutz gerechtfertigt ist und wann dysfunktional. Somit unterbindet man, sich hypersensibel und misstrauisch zu verhalten oder Bedrohungen überall wahrzunehmen.

Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen sie so, wie wir sind. [9]

Anais Nin

Wie Sie also gesehen haben, spielt das Unterbewusstsein eine relevante, wenn nicht sogar die zentrale Rolle bei Triggern und Projektionen. Da jeder Mensch andere Erfahrungen gemacht hat, sind Trigger und Projektionen auch individuell. Was mich triggert, muss nicht unbedingt meinen Partner/meine Partnerin triggern. Was ich in meinem Chef/meiner Chefin sehe (was ich in ihn/sie „hineinprojiziere“), sehen womöglich meine Kollegen und Kolleginnen nicht. Jede und jeder von uns hat eine andere Brille, bestehend aus vergangenen Erfahrungen, Schmerzen und Werthaltungen, mit der wir auf die Umwelt blicken. Somit nehmen wir die Dinge nicht objektiv wahr, sondern gefärbt von unserer Lebensgeschichte [3]. Diese Erkenntnis ist wesentlich: Dadurch können wir zum einen besser nachvollziehen, warum wir mit bestimmten Personen immer wieder in ähnlichen Konfliktmustern gefangen sind – weil wir womöglich unsere Themen auf die jeweils andere Person projizieren uns dadurch gegenseitig triggern. Zum anderen lernen wir, dass wir vom Gegenüber wertvolle Informationen über uns gespiegelt bekommen. Projektionen können somit als Quelle für Selbsterkenntnis dienen. Das führt zur nächsten Frage:

Was zeigen uns Projektionen?

Projektionen sind eine Verkörperung des Unbewussten. Wie zuvor erwähnt, verraten sie mehr über unsere „blinden Flecken“, wie beispielsweise nicht verarbeitete emotionale Wunden, Ängste, und vergangenen Erfahrungen. Darüber hinaus übertragen wir auch unsere kulturellen religiösen Vorstellungen, Moralvorstellungen, unser Weltbild auf andere Personen.

Wichtig hervorzuheben ist das Potenzial von Projektionen: Denn was wir bei anderen kritisieren, kann auch auf unterentwickelte oder unterdrückte Werte hinweisen. Somit kann man Projektionen auch als das Verfolgen eigener Wünsche in anderen bezeichnen.

Was uns Projektionen zeigen können [3, 4, 10]:

  • Vergangene Erfahrungen
  • Selbstbild
  • Weltbild
  • Werte
  • Urteile
  • Überzeugungen
  • Kulturelle/religiöse Vorstellungen/Moral
  • Wünsche/Bewunderung

Mit diesem Wissen über Projektionen und ihre Hintergründe lässt sich das eigene Verhalten und jenes des sozialen Umfelds besser nachvollziehen. Im Folgenden sollen drei Alltagsbeispiele veranschaulichen, was Projektionen über uns verraten können:

Beispiel 1:

Maria findet sich häufig in den immer selben Situationen wieder, in denen ihre beste Freundin ein lange geplantes Treffen kurzfristig absagt. Sobald sie die Absage mitgeteilt bekommt, werden fast automatisch Gedanken wie „Warum passiert das immer ausgerechnet mir?“ oder „Vielleicht bin ich für andere nicht spannend genug“ in ihr aktiviert. Dazu gesellen sich noch Gefühle von Frustration, Ärgernis sowie ein Beklemmungsgefühl in der Brust.

Was passiert hier? Warum reagiert Maria so und was verrät diese Reaktion über sie? Wie kann sie die Projektion als Chance zur Selbsterkenntnis sehen?

Es scheint, als würde die Absage Maria emotional triggern. Das ist zunächst auch nicht verwerflich – im Gegenteil: es zeigt, dass Maria die Freundschaft offenbar wichtig ist. Interessant und eine Reflexion wert wird es jedoch, sobald man ständig in denselben Mustern gefangen ist. Da dies bei Maria der Fall ist, lohnt sich ein tieferes Hinsehen und Hinterfragen. Was könnte das in diesem Beispiel bedeuten? Maria könnte deshalb getriggert werden, weil sie an eine schmerzliche Situation in ihrer Vergangenheit erinnert wird. Möglicherweise hat sie in ihrer Kindheit unterbewusst die Erfahrung gemacht, dass auf ihre Eltern kein Verlass ist und dieses Thema noch nicht vollständig bearbeitet. Jede ähnliche Situation löst unbewusst wieder diese Angst vor dem Verlassen-/Alleingelassen-Werden aus und in weiterer Folge auch Zweifel an ihr selbst.

Eine ganz andere Erklärung für Marias Reaktion könnte sein, dass sie durch die Situation ihre Werthaltungen gespiegelt sieht. Womöglich sind Maria Werte wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Sicherheit wichtig – ein kompletter Kontrast zu ihrer Freundin. Auch in diesem Fall ist ein kritisches Hinterfragen von Vorteil: Sind meine Werthaltungen förderlich oder zu stark ausgeprägt? Würde es schaden, eine lockerere Haltung an den Tag zu legen und flexibler mit Terminen umzugehen? Oder darf Maria lernen ihren Mitmenschen zu kommunizieren, dass ihr Verlässlichkeit wichtig ist? Die passende Antwort darauf kann wohl nur sie selbst finden.

Wie Sie sehen, liefert ein tieferes Hinterfragen seiner selbst wertvolle Erkenntnis über eigene blinde Flecken. Ein zweites fiktives Beispiel soll noch einmal verdeutlichen, wie aufschlussreich Projektionen sein können:

Beispiel 2:

Bernhard hat schon seit Längerem Probleme im Umgang mit seinem Chef. Er hat den Eindruck, dass sein Chef zu bestimmend ist, ihn nicht zu Wort kommen lässt und seine Ideen und Vorschläge ignoriert. Nach jedem Gespräch mit dem Chef steigen in Bernhard Gefühle der Wut und Empörung sowie ein stechendes Gefühl im Bauch auf, das ihn noch mehrere Stunden später begleitet.

Warum reagiert Bernhard so? Was kann er in dieser Situation über sich lernen? Wie kann er das Potenzial darin erkennen?

Wie in Beispiel 1 gibt es mannigfaltige Gründe, die veranlassen, dass Bernhard durch die Interaktion mit seinem Chef getriggert wird. Das Gespräch könnte ihn an eine unliebsame Situation in seiner Vergangenheit erinnern oder ihm seine Werthaltungen und Überzeugungen kontrastieren. Eine andere Erklärung kann sein, dass sich Bernhard selbst in bestimmten zwischenmenschlichen Beziehungen dominant verhält, das aber nicht sieht. Womöglich ist er in seiner Paarbeziehung bestimmend oder delegiert Aufgaben an seine Kinder, ohne sich dessen bewusst zu sein. In diesem Fall wird er getriggert durch Anteile, die er auch in sich trägt, aber nicht wahrnimmt. Erst in der Übertragung auf andere kommen sie zum Vorschein. Dann gilt es, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und liebevoll mit den Ergebnissen der Selbstreflexion umzugehen.

Sie sehen also in diesen Beispielen: Projektionen finden beinahe immer und überall statt. Es hilft, sich während des Alltags aufmerksam zu beobachten und gezielt nach Projektionen Ausschau zu halten. So können Sie nicht nur Ihre eigenen blinden Flecken entdecken, sondern auch verstehen, warum sie in Ihnen bewusst oder unbewusst präsent sind. Denn wie C. G. Jung bereits gesagt hat: „Alles, was uns irritiert, kann zu einem tieferen Verständnis von uns selbst führen“ [1].

Übung: So erkennen Sie Ihre Projektionen und was sie über Sie verraten

Die folgende Selbstreflexionsübung soll Ihnen ermöglichen, die eigenen Projektionen und deren Funktion zu enttarnen. Nehmen Sie sich dazu ausreichend Zeit und suchen Sie einen Ort auf, an dem Sie ungestört sind und sich sicher fühlen. Wichtiges vorweg: Da Sie im Folgenden gebeten werden, sich an Konfliktsituationen oder belastende Erlebnisse zu erinnern, kann es durchaus zu emotionalen Reaktionen kommen. Wählen Sie daher nur Beispiele, bei denen Sie bereit sind, tiefer in die Selbstreflexion und -erforschung einzutauchen. Projektionen zeigen sich bereits in den banalsten Alltagssituationen, in denen sich ein Hauch von Unbehagen in Ihnen breitmacht.

Für die Übung erinnern Sie sich nun bitte an eine zwischenmenschliche Situation, in der Sie getriggert wurden. Das heißt, versetzen Sie sich in eine Situation, die Wut, Frustration, Unverständnis oder auch Neid in Ihnen hervorgerufen hat. Begeben Sie sich in die Selbstreflexion und beantworten Sie die folgenden Fragen:

  1. Warum reagiere ich so?
  2. Was sagt die Reaktion über mich aus? (Welche Werthaltungen, Überzeugungen und Einstellungen werden dadurch ausgelöst?)
  3. Was hat die andere Person, was ich womöglich auch in mir trage, aber nicht sehe?
  4. Was hat die andere Person, was ich vielleicht noch entwickeln darf?
  5. Wie kann ich diese unbewussten Anteile liebevoll integrieren, anstatt sie zu bekämpfen?

Das Potenzial von Projektionen

Was nützen uns derartige Übungen? Eine Reflexion über eigene Projektionen und Trigger hilft, unbewusste Anteile an die Oberfläche und somit ans Bewusstsein zu bringen. Dort erst kann man eingelernte Überzeugungen und zuvor verschleierte Einstellungen kritisch hinterfragen und verändern oder loslassen. Was soll bleiben und was darf gehen, weil es nicht mehr zu meinem Charakter passt? Wo liegen vielleicht unterentwickelte Stärken, die nun zum Vorschein kommen dürfen?

Trigger und damit verbundene negative Emotionen wie Schuld, Bedauern, Frustration oder Wut können uns den nötigen Anstoß geben, uns zu verändern [11]. Projektionen tragen also zu einer Reifung unserer Person bei. Der Umfang der Persönlichkeit wächst, wenn man sich das Unbewusste bewusst macht [12].

Ein weiterer positiver Effekt der Entschleierung von Projektionen ist ein kohärenteres Selbstbild und -verständnis. Ein klareres Selbstbild erlaubt es, konsistenter und transparenter im sozialen Umfeld aufzutreten. Was nützt ein klares Selbstbild? Wir provozieren im zwischenmenschlichen Umgang weniger Missverständnisse und bauen somit harmonischere zwischenmenschliche Beziehungen auf. Im Reinen mit sich zu sein, Stichwort Selbstakzeptanz und Selbstkongruenz, bedeutet in letzter Konsequenz auch weniger Stress und mehr Wohlbefinden [13].

Potenzial Projektionen

Außerdem dienen Projektionen als wunderbare Chance, Selbstliebe zu fördern. Wichtig hervorzuheben ist, dass Projektionen in keiner Weise schlecht oder „Fehler“ sind. Projektionen werden als Abwehr- und Schutzmechanismus für das eigene Selbst gesehen. Das Unbewusstsein versucht durch das Verdrängen und Übertragen von eigenen Themen auf andere, uns vor Auseinandersetzungen mit eigenen psychischen Konflikten zu bewahren [3, 8, 14]. Ziel ist der Schutz des eigenen Selbstbilds und Selbstwerts [8]. Das ist grundsätzlich eine gute Eigenschaft. Für einen optimale Reifung der Persönlichkeit ist es aber nötig, sich auch den vermeintlichen „Schattenseiten“ zuzuwenden. Wir dürfen also anerkennen, dass es womöglich Seiten an uns gibt, die unserem Wunsch nach einem perfekten und makellosen Selbstbild zuwiderlaufen. Das ist okay, denn es gibt schließlich einen Grund, warum die genannten „Schattenseiten“ in unser Leben getreten sind. Je liebevoller und offener wir für diese Anteile sind, desto eher schaffen wir einen Rahmen, um sie transparent zu machen und in unsere Persönlichkeit zu integrieren. Integration wiederum steigert das sozio-emotionale Wohlbefinden [15]. Kurzgesagt: Wachstum findet nicht durch Verdrängen, sondern durch Integration statt und ist der Schlüssel zu einem authentischen Selbst.

Wer zugleich seinen Schatten und sein Licht wahrnimmt, sieht sich von zwei Seiten, und damit kommt er in die Mitte. [16]

Carl Gustav Jung

Wie kann man mit Projektionen und Triggern umgehen?

Selbstliebe bildet eine perfekte Brücke zum letzten Abschnitt des Artikels und zur Frage, wie man mit Projektionen und Triggern umgehen kann.

Indem Sie sich im Zuge der obenstehenden Übung Ihrer Projektionen bewusst geworden sind, haben Sie bereits den ersten Schritt in Richtung Integration gemacht. Bereits der Akt des Aufmerksamkeit-Schenkens kann wirkungsvoll sein und Aha-Momente herbeiführen. Dadurch erlaubt man es verborgenen Anteilen und blinden Flecken aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche (also ans Bewusstsein) zu kommen und diese als „sich selbst zugehörig“ anzuerkennen. Je klarer wir uns unserer Projektionen werden, desto gefasster und gelassener können wir in Zukunft reagieren, wenn wir wieder getriggert werden. Denn dieses Mal kennen wir ja den Grund für die innere emotionale oder körperliche Erregung.

Um in diesem Trigger-Situationen nicht wieder in alte Reaktionsmuster zu fallen, eignet sich eine simple Methode: Stop-Look-Go [17]. Diese Methode hilft, bewusst im Alltag kurze Momente der Achtsamkeit zu erzeugen, anstatt wie vom Autopilot gesteuert anfällig für emotional-impulsive, unbewusste Reaktionen zu sein. Die Methode dauert weniger als 3 Minuten und kann daher jederzeit und überall durchgeführt werden! Im Prinzip machen Sie genau dasselbe, wie im Straßenverkehr auf einer Kreuzung: Stop (stehenbleiben) – Look (sich auf Gefahren im Verkehr umschauen) – Go (weiterfahren).

Die Stop-Look-Go-Methode:

Stop: Schaffen Sie während Ihres Alltags Momente der Selbstaufmerksamkeit. Nehmen Sie sich mehrmals während des Tages bewusst eine kurze Auszeit, setzen Sie sich Erinnerungen/Wecker oder bleiben Sie stehen.

Look: Wie vor einer Kreuzung im Straßenverkehr halten Sie inne und sehen Sie sich um. Wie ist mein Umfeld gerade? In welcher Konstellation befinde ich mich? Was fühle ich, wie ist meine Körperhaltung, wie meine Atmung? Erlauben Sie es sich, Ihre Präsenz völlig wertfrei wahrzunehmen. Wichtig hierbei ist: Es besteht ein Unterschied zwischen Beobachtung und Bewertung. Falls Sie bemerken, dass sich emotionale Reaktionen oder Trigger in Ihnen breitmachen, nehmen Sie diese wahr und versuchen Sie, aus einer distanzierten Haltung, quasi aus der Vogelperspektive, die Ursachen dafür zu erörtern. Diese Praxis der Achtsamkeit schafft einen neutralen Raum zwischen (Auslöse-)Reiz und (emotionaler) Reaktion.

Go: Auf Basis der gemachten Beobachtung können Sie nun handeln. Mit dem Unterschied, dass Ihre Handlung/Reaktion nun bewusst, also intentional, anstatt impulsiv gesteuert ist. Überlegen Sie kurz, ob Sie etwas an Ihrem gegenwärtigen Zustand ändern möchten. Wenn der Weg frei von Hindernissen ist, können Sie wie im Straßenverkehr weiterfahren bzw. -leben.

So banal die Methode auch klingen mag, so effektiv ist sie. Durch das achtsame Hinsehen beleuchten Sie wie mit einer Taschenlampe Ihre potentiellen blinden Flecken. Ein wertvolles Tool also, um sich während des Alltags kurz „rauszuzoomen“.

Fazit

Wie sie gesehen haben, sind Projektionen in Interaktionen beinahe immer präsent. Ich übertrage meine Ängste, Wünsche oder Überzeugungen auf mein Gegenüber; mein Gegenüber projiziert seine Themen wiederum auf mich. Kein Wunder also, dass sich unterbewusste, noch nicht verarbeitete und integrierte Anteile angesprochen fühlen und sich durch emotionale Reaktionen, also Trigger, breitmachen. Was wir in anderen als störend, verärgernd oder beneidenswert empfinden, kann oftmals etwas mit uns zu tun haben. Und hier beginnt der spannende Teil: Sie selbst können Trigger als willkommene Zustände und als Anlass zur Selbstreflexion sehen. Hinterfragen Sie sich, was der Grund für die aktuelle emotionale oder körperliche Überreaktion sein könnte und bringen Sie Licht ins Dunkel. Sie können sich bewusst dafür entscheiden, Ihre unbewussten Anteile zu integrieren, anstatt sie zu bekämpfen und somit Projektionen als Chance zu sehen.

Literaturliste:

[1] Svoboda, M. (o. D.). Alles, was uns an anderen irritiert, kann uns zu einem. . .. Beruhmte-zitate.de. https://beruhmte-zitate.de/zitate/1960374-carl-gustav-jung-alles-was-uns-an-anderen-irritiert-kann-uns-zu-e/

[2] Becker-Carus, C. & Bayer, L. (2021, 6. Dezember). Projektion im Dorsch Lexikon der Psychologie. Hogrefe. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/projektion

[3] Baumeister, R. F., Dale, K. & Sommer, K. L. (1998). Freudian Defense Mechanisms and Empirical Findings in Modern Social Psychology: Reaction Formation, Projection, Displacement, Undoing, Isolation, Sublimation, and Denial. Journal Of Personality, 66(6), 1081–1124. https://doi.org/10.1111/1467-6494.00043

[4] Pichler, O. (2020, 27. Januar). Sag mir, was Dich ärgert und ich sag Dir, wer Du bist: Projektion – Übertragung – Spiegelung. https://www.pichler-training.at/sag-mir-was-dich-aergert-und-ich-sag-dir-wer-du-bist/#marker-6772-1

[5] Myers, D. G. & DeWall, C. N. (2023). Psychologie. https://doi.org/10.1007/978-3-662-66765-1

[6] Zhou, Z. (2025). The Relationship Between Subconscious Feelings and Emotions: An Integrative Neuroscience-Based Study. SHS Web Of Conferences, 222, 02027. https://doi.org/10.1051/shsconf/202522202027

[7] Elbert, T. & Schauer, M. (2002). Psychological trauma: Burnt into memory. Nature, 419(6910), 883. https://doi.org/10.1038/419883a

[8] Vinney, C. (2025, 20. November). Projection as a defense mechanism. https://www.verywellmind.com/what-is-a-projection-defense-mechanism-5194898

[9] Svoboda, M. (o. D.-b). Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie so,. . .. Beruhmte-zitate.de. https://beruhmte-zitate.de/zitate/968828-anais-nin-wir-sehen-die-dinge-nicht-wie-sie-sind-wir-sehen/

[10] Murstein, B. I. (1957). Studies in Projection: A critique. Journal Of Projective Techniques, 21(2), 129–136. https://doi.org/10.1080/08853126.1957.10380760

[11] Wong, P. T. P. (2011). Positive psychology 2.0: Towards a balanced interactive model of the good life. Canadian Psychology/Psychologie Canadienne, 52(2), 69–81. https://doi.org/10.1037/a0022511

[12] Meier, C. (1954). Projektion, Übertragung und Subjekt-Objektrelation in der Psychologie. Dialectica, 8(32), 302–321. https://doi.org/10.1111/j.1746-8361.1954.tb01266.x

[13] Ryff, C. D. (1989). Happiness is everything, or is it? Explorations on the meaning of psychological well-being. Journal Of Personality And Social Psychology, 57(6), 1069–1081. https://doi.org/10.1037/0022-3514.57.6.1069

[14] Holmes, D. S. (1968). Dimensions of projection. Psychological Bulletin, 69(4), 248–268. https://doi.org/10.1037/h0025725

[15] Bauer, J. J. & McAdams, D. P. (2004). Personal Growth in Adults’ Stories of Life Transitions. Journal Of Personality, 72(3), 573–602. https://doi.org/10.1111/j.0022-3506.2004.00273.x

[16] Valentina Sokolova / Bendesign. (o. D.). CG Jung - Eine lebenslange Geschichte des Suchens - Zitate. https://www.carl-g-jung.de/deutsch/zitate.html

[17] Luthe, M. (2023, 17. Januar). Dankbar leben. Dankbar-leben.org. https://www.dankbar-leben.org/bruder-david/dankbar-leben/


Tanja Oberreiter

Tanja studiert derzeit Psychologie im Master an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck. Ihre Begeisterung gilt insbesondere den vielfältigen Konzepten und Interventionen der Positiven Psychologie – Praktiken wie Meditation, Achtsamkeit und Dankbarkeit sind daher fester Bestandteil ihres Alltags. Gleichzeitig fasziniert sie das Zusammenspiel von Körper und Psyche. Als ausgebildete medizinische Masseurin bringt sie zudem fundiertes Wissen über körperliche Gesundheit mit. Ihr Anliegen ist es, Menschen ganzheitlich zu betrachten und Wohlbefinden nicht nur auf psychischer, sondern auch auf körperlicher Ebene zu fördern und langfristig zu erhalten.