Spannst du eine Saite zu stark, wird sie reißen. Spannst du sie zu schwach, kannst du nicht auf ihr spielen. [1]
Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie sich vor einer Entscheidung unsicher fühlen oder sogar Angst verspüren? Und wenn Sie genau diese Angst letztlich davor bewahrt, vorschnell oder unüberlegt zu handeln? Oder kennen Sie Situationen, wo Sie einen Verlust erlebt haben und Traurigkeit gezeigt hat, wie wichtig Ihnen ein Mensch oder eine Erfahrung wirklich war? Vielleicht haben Sie auch schon Momente erlebt, in denen Ihnen Ihre Wut geholfen hat, eine Grenze zu setzen, die schon längst überfällig war. Solche Momente zeigen deutlich: Was wir vorschnell als „negative“ Emotionen bewerten, kann sich bei genauerem Hinsehen als nützlich oder schützend herausstellen.
Im Sinne der zweiten Welle der positiven Psychologie [2] ist das Ziel eines gelingenden Lebens nicht, ausschließlich positive Erfahrungen zu machen und negative zu vermeiden. Im Gegenteil: „Negative“ Emotionen werden als hilfreich und sinnvoll angesehen, zumal sie persönliches Wachstum fördern können [3, 4, 5]. Anstatt also den Fokus ausschließlich einseitig auf Freude, Glück, Optimismus und positive Emotionen zu richten, geht es hier um eine ganzheitliche Sichtweise: Tiefes Wohlbefinden entsteht erst durch eine Integration von „negativen“ Emotionen wie Schmerz, Angst, Wut, Traurigkeit, nicht durch eine Vermeidung [2, 6].
Im Zentrum dieses Blogartikels steht das Thema der Balance zwischen positiven und vermeintlich negativen Gefühlen. Sie werden erfahren, dass „negative“ Gefühle nicht immer gleich „negativ“ sind, sondern stets eine Funktion haben, also von Grunde auf dienlich sind. Durch ein vorschnelles Kategorisieren der Emotionen in „gut“ und „schlecht“ verfallen wir oftmals gesellschaftlichen Bewertungsschemata, die suggerieren, dass negative Emotionen nicht empfunden werden dürfen, sondern unterdrückt werden müssen. Dieser Trugschluss kann auf Dauer sowohl körperlich als auch gesundheitlich schädliche Folgen mit sich ziehen. Sie werden außerdem Alternativen kennenlernen, wie man mit diesen „unangenehmen“ Emotionen umgehen kann und im Sinne einer gesunden Emotionsregulation eine Brücke zwischen „positiven“ und „negativen“ Emotionen finden kann.

In der Psychologie spricht man davon, dass es per Definition keine „guten“ oder „schlechten“ Emotionen gibt, sondern dass der Wert der Emotionen immer vom jeweiligen Kontext abhängt [3, 7, 8]. (Daher werden auch die Wörter „negativ“ und „positiv“ in diesem Blogeintrag unter Anführungszeichen gesetzt). Angst ist beispielsweise – wie Sie oben gesehen haben und wie in den folgenden Abschnitten genauer erläutert wird – nicht immer schlecht, sondern bewahrt uns vor Unheil und Risiko und kann daher lebensrettend sein. „Negativ“ ist also nicht gleich schlecht.
Genauso verhält es sich auch mit „positiven“ Emotionen: Ein Übermaß an „positiven“ Emotionen kann dazu führen, dass man eher in oberflächlicheres Denken und globalere Informationsverarbeitung verfällt [9]. Dies kann zwar hilfreich und effizient sein, aber ist auch anfälliger für Verzerrungen. So hat beispielsweise eine Studie gezeigt, dass Menschen in positiver Stimmung tendenziell zu heuristischem Denken (siehe Infobox) neigen und daher eher in Stereotypen denken, verglichen mit Menschen in neutraler oder negativer Stimmung [10]. Denn gerade „negative“ Stimmung führt zu einer gründlicheren Verarbeitung. Dieser realistischere Blick auf die Umstände kann in manchen Situationen durchaus nützlich sein.
Infobox heuristisches Denken:
Heuristisches Denken ist eine Art des Denkens, bei der man sich einfachen Strategien und Faustregeln zunutze macht, um schnell eine Entscheidung zu treffen. Die angewandten Strategien und Faustregeln basieren auf vergangenen Erfahrungen, Intuition und groben Regeln (ein Beispiel für eine Heuristik ist der Glaube, dass ein teures Produkt automatisch gute Qualität bedeutet). Im Gegensatz zu gründlichem, analytischem und schlussfolgerndem Denken ist heuristisches Denken zwar schneller, aber stark vereinfachend. Daher kann es auch fehleranfällig sein.
Ähnlich verhält es sich übrigens auch mit Stress: Neben dem destruktiven Stress, als „Distress“ bezeichnet, der mit körperlichen und psychischen Symptomen wie u.a. erhöhtem Blutdruck, Verspannungen, Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche oder emotionaler Reizbarkeit einhergeht, gibt es auch eine produktive Ausprägung von Stress [11-14]. Dieser sogenannte „Eustress“ wirkt – gegenteilig zum Distress – aktivierend und wird nicht als Beanspruchung erlebt. Eustress setzt klassischerweise ein, wenn wir viele Freizeitaktivitäten geplant haben oder Ereignisse anstehen, die mit Verantwortung, aber zugleich auch mit Freude verbunden sind. Eustress mobilisiert unsere Ressourcen und bringt uns in die Aktivität/Produktivität, wohingegen Distress eher mit Handlungsstarre assoziiert wird.
Wie Sie also sehen, befinden sich sowohl Stress als auch Emotionen auf einem Kontinuum und sind stark situationsabhängig. Es gibt also per se keine guten oder schlechten Emotionen, nur durch unsere Bewertung kategorisieren wir die Emotionen in positiv oder negativ. Daher dringt sich die nächste Frage auf: Was ist denn generell der Zweck bzw. die Aufgabe von Emotionen, unabhängig davon, wie wir sie einstufen?
Generell kann man sagen, dass Emotionen eine wesentliche Funktion haben: Sie informieren über uns selbst und geben uns Orientierung über unseren gegenwärtigen inneren Zustand sowie unsere Bedürfnisse [4]. Emotionen besitzen also insofern einen adaptiven Charakter, als dass sie Verhalten einleiten, das uns zur Anpassung an die Umwelt hilft [15]. („Negative“) Emotionen führen demgemäß zu einer Neuverteilung der mentalen Ressourcen und Ziele, sie lenken unsere Aufmerksamkeit auf die Bereiche, wo sie gerade am meisten gebraucht wird [16].
Was ist damit konkret gemeint? Im Folgenden sollen einige Beispielsituationen für bestimmte (unangenehme) Emotionen verdeutlichen, welche Funktion die Emotion in diesem Moment haben kann. Sie werden sehen, dass vermeintlich unangenehme Emotionen nicht schlecht und hinderlich sind, sondern im Gegenteil eine wertvolle Quelle für Selbst-Informationen darstellen können [16, 17].
Ähnlich wie in den beiden Beispielen erläutert, verhält es sich auch mit weiteren Emotionen, die wir gemeinhin als „negativ“ oder unangenehm einstufen würden. Daher soll im Folgenden kurz ihre adaptiven Funktionen eingegangen werden [16, 17]: (Anmerkung: Dies ist lediglich eine exemplarische Auflistung. Wie Sie bereits erfahren haben, sind Emotionen kontextabhängig. Je nach Situation können sich also noch weitere Funktionen als die erwähnten ergeben. Es besteht daher kein Anspruch auf Vollständigkeit.)
Was ist also der Fazit aus dieser Übersicht? Emotionen, insbesondere jene, die wir vorschnell als „negativ“ abstempeln würden, sind keineswegs sinnlos oder überflüssig. Im Gegenteil, sie liefern uns wichtige Hinweise und geben uns eine Orientierung über unsere gegenwärtige Befindlichkeit. Das Potenzial von Emotionen soll nochmals im Infokasten hervorgehoben werden.
Emotionen …
Wie geht man am besten mit den aufkommenden Emotionen um? Mit dem Wissen um die Funktionen von „negativen“ Emotionen wird deutlich, dass jede Emotion ihre Daseinsberechtigung hat. Daher scheint ein bloßes Unterdrücken oder Vermeiden von zunächst unangenehmen Gefühlen langfristig keine hilfreiche Strategie zu sein. Wenn wir Emotionen vermeiden oder unterdrücken, ihnen also nicht den Raum für ihren Ausdruck geben, verschwinden sie nicht einfach. Die Analogie zu einem Auto kann das veranschaulichen: Die Kontrolllampe im Auto, die die Lenker:innen bei Problemen mit Ölstand, Reifendruck, Motorfunktion und Batteriestand alarmiert, soll in diesem Kontext als Metapher für unsere Emotionen gesehen werden. Denn wie bereits geklärt, liefern auch Emotionen wertvolle Informationen über unseren momentanen Zustand. Was machen wir, wenn während des Autofahrens eine dieser Kontrolllampen aufleuchtet? Wir bringen unser Fahrzeug zum Stillstand und überprüfen, was ursächlich hinter dem Warnsignal steckt. Ebenso empfiehlt es sich, mit aufkommenden Emotionen umzugehen. – Nämlich Raum zu schaffen und zu begutachten, also sich hinterfragen, was die aufkommende Emotion bedeuten könnte. Dadurch können wir einschätzen, wie dringlich die Situation ist bzw. welche Vorkehrungen getroffen werden müssen, um uns in eine sichere Position zu begeben.
Was passiert aber, wenn wir uns keine Zeit nehmen, um bei uns selbst die aufkommenden emotionalen Signale zu überprüfen und ihnen Platz einräumen? Oder wenn wir sie einfach unterdrücken, weil wir vielleicht sogar Angst vor den Emotionen und ihren Konsequenzen haben? Das wäre in der Autometapher analog dazu, als wenn wir die aufleuchtende Kontrolllampe schlichtweg mit einem Klebeband überkleben würden, sodass wir ihr Aufleuchten nicht mehr wahrnehmen müssen. Verschwindet dadurch aber das dahinterliegende Problem? Nein. Genauso verhält es sich auch mit Emotionen, wenn wir sie verdrängen. Sie lösen sich nicht in Luft auf, sondern können sich auf Dauer auf anderem Wege bemerkbar machen.
Was passiert, wenn wir unangenehme Emotionen unterdrücken?
Forschungen haben gezeigt, dass ein wiederholtes Unterdrücken von Emotionen sowohl mit psychischen als auch mit körperlichen Belastungen einhergehen kann und allen voran inneren Stress auslöst:
Auf psychischer Ebene kann ein Unterdrücken von Emotionen zu innerer Anspannung, verringerter Konzentrationsfähigkeit, vermehrtem Grübeln und eingeschränktem emotionalen Erleben führen [21, 22]. Psychische Erkrankungen, wie z.B. Angststörungen und Depressionen, können infolge von chronischer Unterdrückung entstehen [23].
Auch auf körperlicher Ebene zeigen sich auf Dauer Symptome: Studien haben gezeigt, dass das bewusste Unterdrücken und Vermeiden von unangenehmen Emotionen mit einer höheren physiologischen Aktivierung einhergeht, also das Stresssystem in Alarmbereitschaft setzt [24, 25]. Nicht selten kann dies Bluthochdruck, Schlafstörungen, chronische Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme oder Schulter-Nacken-Verspannungen mit sich ziehen und die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen.
Zuletzt kann Emotionsunterdrückung auch zwischenmenschliche Beziehungen beeinträchtigen. Denn wer eigene Gefühle zurückhält, wirkt auf andere oft distanzierter und weniger nahbar [17]. Eine derartige Verdrängung kann also durchaus mit einem Verlust der Authentizität einhergehen.
Was ist ein gesunder Umgang mit Emotionen?
Es geht nicht darum, keine negativen Gefühle mehr zu erleben, sondern den negativen Gefühlen das „Negative“ zu nehmen. [3]
Wie Sie gesehen haben, bedeutet ein gelingender Umgang mit Emotionen nicht, unangenehme Gefühle zu vermeiden und angenehme zu überbetonen [3, 4]. Es geht vielmehr darum, das Spektrum an Emotionen zuzulassen, sie auszudrücken und nicht vorschnell zu bewerten. Das Stichwort „Balance“ ist in diesen Kontext passend. Im Sinne der zweiten Welle der positiven Psychologie soll es das Ziel sein, das Potenzial hinter den aufkommenden Emotionen zu erkennen und dementsprechend zu nutzen [2]. Martin Seligman, einer der wohl bedeutendsten Vertreter der positiven Psychologie, hat dazu betont, dass man achtgeben sollte, kein „Sklave der Tyrannei des Optimismus“ zu werden, sondern gleichermaßen in der Lage sein sollte, den scharfen Realitätssinn des Pessimismus dann nutzen soll, wenn man ihn braucht [26].
Genau an diesem Punkt setzt die Emotionsregulation an: Sie kann uns helfen, einen situationsangepassten und dienlichen Umgang mit den aufkommenden Emotionen zu finden. Wie das zu Beginn des Artikels von Buddha genannte Zitat beschreibt, geht es um einen angemessenen Umgang mit beiden Polen: Denn sowohl bei einer Übersteigerung des „Positiven“ (also einem metaphorischen Überspannen der Saiten eines Instruments), als auch bei einer zu intensiven Vertiefung in das „Negative“ (also zu geringer Spannung der Saiten), kann man keinen schöne (Lebens-)Melodie erzeugen, denn der Klang ist entweder verzerrt oder die Saiten drohen zu reißen.
Im Folgenden lernen Sie Strategien kennen, die Ihnen dabei helfen können, Ihre Emotionen besser zu verstehen und angemessen mit ihnen umzugehen:
Wie in so vielen Bereichen geht es zunächst um die bewusste Wahrnehmung dessen, was gerade präsent ist. Hier ist das Prinzip der Achtsamkeit zentral: Unter Achtsamkeit versteht man die Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments ohne Bewertung [eine detaillierte Abhandlung zum Thema "Achtsamkeit" finden Sie im unten verlinkten Blog-Beitrag: Fußnote 29]. Schaffen Sie dazu für einen kurzen Moment Abstand und werden Sie sich Ihrer gegenwärtigen Gefühle bewusst. Oftmals kann bereits ein Benennen (Vorsicht: benennen bedeutet nicht gleich bewerten!) der Emotionen bereits die Intensität der Emotionen verringern [27]. Das Motto lautet hier: „Name it to tame it“ (=Benennen, um es zu zähmen, also quasi zu beruhigen). Studien haben gezeigt, dass bereits das bloße Benennen der Emotionen zum einen die Aktivität der Amygdala reduziert, die bei emotionalen Reaktionen eine zentrale Rolle spielt und zum anderen präfrontale Hirnarale, die mit kognitiver Kontrolle einhergehen, stärker aktiviert werden [26]. Durch das Benennen der Emotionen wird also das emotionale System „beruhigt“.
Im nächsten Schritt empfiehlt es sich einzuschätzen, ob das Gefühl, das Sie aktuell empfinden, der Situation entsprechend angemessen ist bzw. wie eine optimale emotionale Reaktion für Sie aussieht. Für diesen Schritt eignet sich das Gefühlsprotokoll VEIN-AHA, die im Folgenden erläutert wird:
Diese Methode stammt ursprünglich aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) zur Behandlung von Borderline-Patient:innen. Im Rahmen dieses Blogeintrags soll eine verkürzte und modifizierte Version vorgestellt werden (in Anlehnung an [28]). Die Übung ist zweigeteilt: Zunächst geht es darum, ein „unangenehmes“ Gefühl einzuordnen, im zweiten Schritt geht es um ein Regulieren, also ein Abschwächen von zu starken Gefühlsintensitäten.
Versetzen Sie sich dazu in eine vergangene emotionale Situation, die sich noch nicht vollständig rund anfühlt. Alternativ können Sie die Übung auch mit Ihren aktuellen Empfindungen durchführen:
Übungen wie das Gefühlsprotokoll VEIN-AHA eignen sich hervorragend, um Ihre Emotionen nicht nur zu beobachten, sondern auch angemessen zu regulieren. Indem Sie die Auslösesituation aus einem anderen Blickwinkel betrachten, kann sich auch die emotionale Reaktion verändern bzw. abgeschwächt werden. So kann es gelingen, Distanz zu emotionalen Reaktionen zu erzeugen und sie sukzessive zu verarbeiten, anstatt die aufkommenden Gefühle zu unterdrücken.
Emotionen sind weder an sich „gut“ noch „schlecht“. Sie sind vielmehr wertvolle Signale, die uns Orientierung und Auskunft über unseren aktuellen Zustand geben. Im Sinne eines gesunden Umgangs mit Emotionen geht es nicht darum, unangenehme Gefühle zu vermeiden bzw. angenehme festzuhalten, sondern ihnen mit Offenheit und Wertneutralität zu begegnen. Letztlich ist das Ziel, eine emotionale Balance herzustellen. Genau an diesem Punkt setzt Emotionsregulation an. Durch bestimmte Techniken (wie z.B. dem Gefühlsprotokoll VEIN-AHA) können wir die Intensität der eigenen Gefühle einordnen und auf Basis dessen angemessen beeinflussen, sodass uns Gefühle nicht überwältigen.
[1] o.V. (o. D.) Gute Zitate. Buddha. https://gutezitate.com/zitat/185666
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[26] Ivtzan, I., Lomas, T., Hefferon, K. & Worth, P. (2016). Second wave positive psychology: Embracing the Dark Side of Life. Routledge.
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[28] o. V. (o. D.). Gefühlsprotokoll „VEIN-AHA“. Borderline-Forum. https://borderline-seite.jimdofree.com/pdf/vein-aha-fr%C3%BCher/